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Event: unerhoert 61 - mit und ohne
Zeit: 10.Sept. 05
Ort: BIK Galerie 149, Bürger 149, Bremerhaven
Artists: Jürgen O.Olbrich
Pressetexte: Voller Humor und Hintersinn

Pressetext vom 11.09.2005:
Voller Humor und Hintersinn

Die Sinnfragen nach dem Was, Woher und Wohin von Kunst haben Jürgen O. Olbrich offenbar ausreichend beschäftigt. „Life is art enough“ - Das Leben ist Kunst genug – lautet sein Credo, ergänzt durch „Art is where you find it“, Kunst ist da, wo man, speziell Olbrich selbst, sie findet.

Jürgen O.Olbrich, Bremerhaven; Foto: Susanne Carstensen

Seit fast 30 Jahren sucht und findet er die Materialien für seine zahlreichen Aktivitäten im gewaltigen Fundus dessen, was Privatleute, Organisationen und Firmen als nicht mehr brauchbar wegwerfen, vornehmlich bedrucktes Papier.
Indem er sie einem künstlerischen Recycling unterzieht, definiert der in Kassel lebende Aktionskünstler die Fundstücke neu, auch wenn dieser Prozess nur von kurzer Dauer ist, denn „Kunst ist die Zeit, die ich mir dafür nehme“. Unter dem Titel „mit und ohne“ war Olbrich auf Einladung von Unerhört, Verein für Neue Musik, mit einer Performance voller Humor und Hintersinn zu Gast in der Galerie 149.

Mit dem Gewicht von zwei Monatsausgaben der TIMES (Nov./Dez. 1964) auf dem Kopf balancierend betritt er den Raum, kann diese historische Last jedoch nicht aushalten, schüttelt sie wiederholt ab und verteilt erleichtert Miniaturausgaben der EU-Menschenrechte in englischer Sprache, in Frankreich gedruckt.

Jürgen O.Olbrich, Bremerhaven; Foto: Susanne Carstensen

Olbrich hämmert Farbstifte (Red and Blue 541) der Marke „Friendship“, Made in China, in die Wand: Eine materialisierte Wandzeichnung entsteht. Schwarz gewandet und mit tief gezogener Kapuze nimmt er freiwillige Beichten ab, die mit „Geben Sie’s doch zu“, einem Kartenspiel, belohnt werden, jedoch ohne Spielanleitung: Wer spielen will, muss die Regeln selber vornehmen.

Jürgen O.Olbrich, Bremerhaven; Foto: Susanne Carstensen

Als lebender Projektor wirft Olbrich eine ganze Sammlung Dias Stück für Stück an die Wand, im doppelten Sinn weg geworfene Stücke fremder Erinnerung, ohne sie sichtbar zu machen. Auf graue Pappsilhouetten einer Instantkamera zeichnet er zum Vergnügen der Zuschauenden blind Portraits, die mit den Gesichtern wahrlich keine Ähnlichkeiten haben, dafür jedoch gleich an die Abgebildeten verschenkt werden: Nur sie wissen, was und wen diese Linienkombination darstellen soll.

Die Besucher der Galerie erlebten Olbrich in seinem Bemühen, Augen zu öffnen und mit den Zuschauern zu kommunizieren. Er möchte sie einbeziehen in seine Methode, den Entsorgungsweg vom Gebrauchsgut zum Müllbestandteil zu unterbrechen, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit dem Spiegel des nachdenklichen Narren. Viel Beifall und angeregte Gespräche als Zeichen des Gelingens.

Norbert Duwe (Nordsee Zeitung Bremerhaven)


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