Presse ::   UNERHOERT kritisch
 
:: Wenn der Klangkunst die Luft ausgeht

Event: brown out
Zeit: 18. Juni 2008
Ort: Galerie 149, Bürger 149, Bremerhaven
Artists: Serge Baghdassarians, Boris Baltschun
Pressetexte: Wenn der Klangkunst die Luft ausgeht

Pressetext vom 18.07.2008:

Weiße Luftballons erzeugen in der Galerie 149 ein leichtes Blubbern

Bremerhaven. Klangkunst ist keine Kunst für die Massen. Vielleicht liegt das daran, dass letztere gar nicht wissen, wie schön und zugleich leicht zugänglich diese musikalische Form sein kann. Das galt zumindest für die gemeinsam von der Galerie 149 und dem Verein „Unerhört“ nach Bremerhaven geholte Veranstaltung mit dem Titel „brownout“.

In der Alten Bürger zeigten die Berliner Künstler Serge Baghdassarians und Boris Baltschun eine faszinierende Konzertinstallation, der ganz nach Plan gemächlich die Luft ausging. 60 pralle weiße Luftballons hängen in sechs regelmäßig angeordneten Reihen von der Decke der Galerie 149, in ihren Offnungen stecken handelsübliche Spritzen.

Hier sind allerdings die Spritzenstempel eingekerbt und es steht jeweils etwas Wasser darauf, die entweichende Luft sorgt so für ein sehr gleichmäßiges, leises Blubbern. „Die minimalen Unterschiede entstehen durch Materialabweichungen“, erklärt Boris Baltschun. Wer um die kaum merklich schrumpfende Ballonherde herumgeht, versetzt sie in leichte Schwingungen. Es ist ein schönes, friedliches Bild.

„Wie man auf so eine Idee kommt?“ Serge Baghdassarians, der seit zehn Jahren künstlerisch-musikalisch mit Baltschun zusammenarbeitet und mit ihm unter anderem im Auftrag des Goethe-Instituts in Europa und den USA auf Tournee gewesen ist, lacht und beginnt zu erzählen: „Wir waren im Großraum von Los Angeles unterwegs, und ein Kollege erzählte uns von den dort vorkommenden ‚Brownouts‘, die als partielle Stromabschaltungen oder Strom-ausfälle eine Vorstufe der Blackouts sind. Und da wir eigentlich im Bereich der elektronischen Musik arbeiten, haben wir uns gefragt, was wir eigentlich noch machen können, wenn kein Strom da ist.“ Ganz ohne Strom So hat das Duo, das nicht auf Klänge, wohl aber auf Strom und davon abhängige Geräte verzichten wollte, die Konzertinstallation .brownout‘ entwickelt.

Benutzt werden dabei nur massenproduzierte Gegenstände. die von der Kunst in einen neuen Kontext gesetzt werden: Die Zutaten sind bekannt, aber die Kombination ist eher abwegig. „Ein großartiger Wurf“, grinst Baghdassarians, und Baltschun führt noch einen anderen Aspekt an: „Unsere Instrumente sind zumeist Computer, und deshalb gibt es für das Publikum nie viel zu sehen. Auch das ist hier einmal komplett anders.“

In der Tat, die immer noch sehr schön anzusehenden Luftballons blubbern weiter vor sich hin, einige werden allerdings schon schlaffer. Das sorgt für kleine Abweichungen im Klangbild: Im Ganzen vorhersehbar, aber im Detail überraschend, bis irgendwann die Luft raus ist.

Verein „Unerhört“
Der „Verein für Neue Musik — „Unerhört“, macht seit 1991 das Publikum in der Seestadt mit „Neuer Musik“ bekannt. Musikpädagoge Jens Carstensen und seine Mitstreiter sorgen mit ihren Konzertveranstaltungen für frischen Wind in der Musikszene. Der Verein holt immer wieder internationale konzertierende Künstler nach Bremerhaven, die vor Ort Projekte entwickeln. (Ulrich Müller)


Zurück zur Pressetext-Liste 2018

 
 
:: Nach oben
:: Seite drucken
:: Seite zurück